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Interview mit Heike Sander: “Die Qualitätsinitiative fragt nach – Gesundheitsversorgung im Fokus“

“Für Niedersachsen wünsche ich mir konkret, dass die Vorschläge der Enquetekommission des niedersächsischen Landtages umgesetzt werden.”

Heike Sander

Die Interview-Reihe „Die Qualitätsinitiative fragt nach – Gesundheitsversorgung im Fokus“ ist eine regelmäßig erscheinende Rubrik, die Hintergrundinformationen zu aktuellen regionalen und überregionalen gesundheits- und arzneimittelpolitischen Themen liefert. Die Themen werden aus der Sicht verschiedener Entscheider*innen im niedersächsischen Gesundheitswesen beleuchtet.

Heute sprechen Dr. Christiane Look (AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG) und Katarzyna Ostendorf (MSD Sharp & Dome GmbH) mit Heike Sander über das Thema “Klinikversorgung nach Corona – Wie geht es weiter?”

Heike Sander ist Krankenkassenbetriebswirtin und Landesgeschäftsführerin der BARMER in der Landesvertretung Niedersachsen/Bremen. Sie ist seit über 40 Jahren in verschiedenen Krankenkassensystemen, Bundesländern und Aufgabenstellungen in der gesetzlichen Krankenversicherung aktiv.

Welche Strukturen haben sich in der Klinikversorgung durch die COVID-19-Pandemie geändert und werden sich aus Ihrer Sicht noch ändern?

Heike Sander:

Ein Virus hat uns aufgezeigt, was in den letzten Jahren versäumt wurde, aber auch, was bei uns gut funktioniert. Es hat digitale Notwendigkeiten, wie z. B. das DIVI-Register, in dem die belegten Intensivbetten sichtbar werden, zu einer flächendeckenden Anwendung für mehr Transparenz werden lassen.


Die schnelle Entwicklung und Verbreitung des DIVI-Intensivregisters hat gezeigt, dass so etwas auch in Deutschland in der Not funktionieren kann. Es hat aber auch gezeigt, dass eine solide transparente Datenbasis Grundlage für die Planung einer qualitätsorientierten Versorgungsstruktur sein muss. Wir sind für eine solide Versorgungsplanung auf die konsequente Nutzung von vorhandenen Daten aller Beteiligten angewiesen, um die notwendigen Kapazitäten an der richtigen Stelle für die Patientinnen und Patienten vorzuhalten und das gilt sektorenübergreifend.


Die Krise hat aber auch an vielen Stellen im stationären Bereich gezeigt, dass das Pflegepersonal an der Grenze der Überlastung ist. Dies ist vor dem Hintergrund, dass in Deutschland neben Luxemburg und Irland das meiste Pflegepersonal pro 100.000 Einwohner in Europa beschäftigt wird, unverständlich. Die Ursache für den gefühlten Personalmangel liegt in zu vielen stationären Behandlungsfällen, die eigentlich ambulant erfolgen könnten, und Pflegepersonal an der falschen Stelle binden. Wir müssen eine neue Vorhaltestruktur entwickeln, die auch mit der begrenzten Ressource Personal zielgerichteter und wertschätzender umgeht.

Wird sich die Krankenhausanzahl in Niedersachsen verändern?

Heike Sander:

Die Zahl der Krankenhäuser reduziert sich auch in Niedersachsen seit Jahren und dieser Prozess wird weitergehen. Die moderne Medizin benötigt nicht mehr die längeren Verweildauern im Krankenhaus und vieles, dass heute noch in Deutschland stationär gemacht wird, erfolgt in anderen Ländern im ambulanten Bereich.


Auch in der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig die ambulante wohnortnahe Primär-Versorgung ist und durch wen die stationäre Versorgung erbracht wurde. Nach Auswertung der BARMER haben nur 70 % der Krankenhäuser die Behandlung der stationären COVID-19-Fälle gemacht und nur 30 % der Häuser hatten bis Januar 2021 mehr als 50 Corona-Patientinnen und -Patienten.


Die begrenzten finanziellen Mittel der Länder verteilen sich auf zu viele Krankenhäuser. Daneben fehlt das qualifizierte Personal für die Hochleistungsmedizin. Darunter leiden Qualität und Wirtschaftlichkeit.
Die Qualität der Leistungserbringung hängt bei bestimmten Krankheitsbildern nachweislich von Routine und Erfahrung ab. Mindestmengen bei Operationen erhöhen die Qualität. Diese Erkenntnisse haben Wissenschaftler und auch der Sachverständigenrat (SVR) im Gesundheitswesen seit Jahren belegt. Aus diesem Grund sollten gerade seltene und schwere Erkrankungen an ausgewählten Standorten konzentriert werden. Die Spezialisierung von Krankenhäusern auf bestimmte Eingriffe ist für die Patientensicherheit und den Erfolg der Behandlung alternativlos. Kompetenzzentren könnten – beispielsweise im Bereich der Onkologie oder der Rheumatologie – auch sektorenübergreifend eine stärkere Koordination der Versorgung übernehmen.

Wie ist die Versorgung derzeit organisiert und wie sieht sie zukünftig aus?

Heike Sander:

Die Gutachten des SVR machen hierzu seit Jahren Vorschläge für eine geänderte Organisations- und Versorgungsstruktur. Die BARMER hat in ihrem 10-Punkte-Papier die wesentlichen Aspekte übersichtlich dargestellt. Sie sind im Internet abrufbar.


Ich möchte an dieser Stelle nur sagen, dass sich die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen unter den Akteuren deutlich verändern muss. Der Patient, die Patientin darf gar nicht merken, dass sie einen Sektor verlässt und einen anderen betritt.

Wird sich durch die COVID-19-Pandemie die Kommunikation zwischen der stationären und ambulanten Versorgung bzw. zwischen den Gesundheitsämtern und der Meldestelle (RKI) ändern?

Heike Sander:

Dies ist eher eine Frage an politische Akteure/ÖGD (Anmerkung der Redaktion: Öffentlicher Gesundheitsdienst), wodurch es schwerfällt sich als Kasse zu positionieren. In einem Richtungspapier zu mittel- und langfristigen Lehren aus der Corona-Krise hat das BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung und der Bertelsmann-Stiftung hierzu nach der ersten Welle eine Zwischenbilanz gezogen. Hierin wurde u. a. bestätigt, dass der ÖGD eine bessere Ausstattung, aber auch eine bessere Verknüpfung zu Wissenschaft und Primärversorgung benötigt.

Wie hat sich die Digitalisierung entwickelt und wird sie sich zukünftig weiter etablieren?

Heike Sander:

Die Digitalisierung ist längst im Alltag der Menschen angekommen und aus den meisten Lebensbereichen nicht mehr wegzudenken. Ihre Bedeutung wird auch weiterhin zunehmen. Besonders das mobile Internet hat die Art der Kommunikation, den Zugang zu Informationen und den Umgang mit persönlichen Daten erheblich verändert. Treiber wie Corona beschleunigen dabei diese Entwicklung.


Auch die Produkte einer gesetzlichen Krankenkasse haben sich stark verändert. Es gibt APPs für Gesundheitsanwendungen auf Rezept. Der Kontakt zur Krankenkasse läuft immer häufiger über Onlinemedien wie Video oder die BARMER APP. Die Versicherten bei der BARMER in den bundesweit 400 Geschäftsstellen werden immer weniger. Über 70 % der Kontakte erfolgen telefonisch. Seit Anfang des Jahres gibt es eine elektronische Patientenakte, die mit mehr Transparenz die Zusammenarbeit zwischen den Sektoren verbessern wird und die Krankengeschichte insbesondere von Chronikern transparent und sicher an jedem Ort zur Verfügung stellt.


Die Beteiligten im Gesundheitswesen müssen die Chancen der Digitalisierung etwa für die Verbesserung der Diagnostik und Therapie in der Medizin nutzen und die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen. Dabei ist es wichtig, dass der Schutz der Daten gewährleistet wird und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Versicherten gewahrt bleibt.


In Zukunft wird unter anderem der Telemedizin eine noch wichtigere Rolle in der Versorgung zukommen. Es war daher richtig, die ersten telemedizinischen Anwendungen in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab aufzunehmen und damit in die Regelversorgung zu bringen. Telemedizin darf dabei nicht an die Stelle einer möglichst flächendeckenden Versorgung treten. Aber für die Sicherstellung einer hochwertigen Versorgung bietet die Telemedizin ein großes Potenzial. Um dieses Potenzial für die Versicherten nutzbar zu machen, ist es zum Beispiel richtig, dass das generelle Verbot für Behandlungen ohne vorherigen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt aufgehoben wird.


Aber auch die gegenseitige Beratung der Gesundheitsberufe untereinander wird sich verbessern. Hier sei beispielhaft erwähnt, dass die Hochleistungsmedizin der MHH (Anmerkung der Redaktion: Medizinische Hochschule Hannover) Behandler in anderen Krankenhäusern unterstützen kann oder auch über DIGAs (Anmerkung der Redaktion: Digitale Gesundheitsanwendung) wie im onkologischen Bereich der Arzt-Patienten-Kontakt verbessert wird.


Es gilt aber der Grundsatz, dass die Digitalisierung nur ein Hilfsmittel sein kann, es sollte die Behandlung stärker unterstützen und qualitativ besser und schneller machen.

Welchen Einfluss hatte bzw. wird die COVID-19-Pandemie auf die Finanzierung der Kliniken haben?

Heike Sander:

Vor dem Hintergrund der noch immer angespannten Lage bei der Versorgung von COVID-19-Patienten in den Krankenhäusern, bei gleichzeitig sinkenden Neuinfektionszahlen, wird derzeit kontrovers diskutiert, in welcher Form und welchem Umfang weiter Liquiditätshilfen an die Krankenhäuser gewährt werden sollen.
Es ist sinnvoll, die Liquiditätshilfen für die Zeit der Pandemie weiterzuführen. Notwendig sind dabei aber zielgerichtete Finanzhilfen an die Krankenhäuser, die sich nach der tatsächlichen Betroffenheit bei der Versorgung von COVID-19-Patienten richten. In der ersten Welle haben insbesondere die psychotherapeutischen und psychiatrischen Kliniken durch die Freihaltepauschale eine Umsatzsteigerung zum Vorjahr von fast 15 % profitiert. Während andere insbesondere große besser ausgestattete Kliniken unterfinanziert waren. In der zweiten Welle erfolgte die Verteilung der Mittel des Bundes mehr nach tatsächlichem Aufwand.


Zukünftig müssen Grundlage für zusätzliche Mittel quartalsweise bzw. monatliche Datenauswertungen zum Leistungsgeschehen in den Jahren 2020 und 2021 sein. Diese Auswertungen sollten für die Dauer der Pandemie monatlich fortgeführt werden, um die Betroffenheit der Krankenhäuser an konkreten Zahlen zu belegen. Ebenso müssen die Länder Aufstellungen zu den pro Krankenhaus geleisteten Ausgleichszahlungen sowie zu den geförderten zusätzlichen Intensivbetten im Jahr 2020 zur Verfügung stellen.


Die Finanzierung von Corona-bedingten Mehrkosten wird bereits seit Beginn der Pandemie in Form von pauschalen Zuschlägen je voll- und teilstationären Behandlungsfall durch die Kassen sichergestellt, die künftig durch krankenhausindividuelle Zuschläge ersetzt werden sollen. Sinnvoll wäre weiterhin eine pauschale Finanzierungsregelung mit eindeutig definierten Finanzierungstatbeständen, die sich auf die Finanzierung persönlicher Schutzausrüstung sowie auf die erhöhten Anforderungen an die Hygiene begrenzen.

Welche Wünsche hätten Sie an die Politik?

Heike Sander:

Ein wesentliches Strukturdefizit des deutschen Gesundheitssystems besteht in der diskontinuierlichen Versorgung an den Grenzen der Sektoren. Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Versuche unternommen, diese Grenzen zu öffnen. Doch die Einführung einer Vielzahl nicht aufeinander abgestimmter Regelungen hat nicht zur Lösung des grundlegenden Problems geführt. Anstatt die Versorgung systemweit zu optimieren, werden weiterhin nur partikulare, den Sektorenlogiken folgende Einzelmaßnahmen verfolgt. Notwendig ist eine sektorenübergreifende und am Patientennutzen ausgerichtete Versorgung.


Grundlage für eine sektorenübergreifende Versorgung ist die Abkehr von der getrennten Planung ambulanter und stationärer Leistungen in zwei nebeneinander organisierten Sektoren. Im Fokus der neuen sektorenübergreifenden Versorgungsplanung stehen dabei fachärztliche Leistungen an der Schnittstelle zwischen allgemeiner fachärztlicher ambulanter Versorgung sowie der Grund- und Regelversorgung im Krankenhaus.


Ich wünsche mir, dass wir vor dem Hintergrund der Pandemie weitere Erkenntnisse gewinnen und Umsetzungsideen für eine sektorenübergreifende wohnortnahe Versorgung in Niedersachsen entwickeln im Sinne der Patientinnen und Patienten.


Für Niedersachsen wünsche ich mir konkret, dass die Vorschläge der Enquetekommission des niedersächsischen Landtages umgesetzt werden. Es sollte eine Expertenrunde geben, die vom Ministerium moderiert wird und konkrete Umsetzungsschritte gemeinsam mit den Kommunen in den Gesundheitsregionen unter Beteiligung aller Sektoren festlegt und ein landesweites Gremium in Niedersachsen geschaffen wird, dass den Rahmen mit z. B. einem konkreten Versorgungsstufenkonzept im stationären Bereich dafür gibt.

Das Interview wurde am 23.02.2021 geführt.

>>Gelangen Sie hier zu der Übersicht der Rubrik: Die Qualitätsinitiative fragt nach<<

Qualitätsinitiative lobt Promotionspreis aus

Einmal jährlich verleiht die Qualitätsinitiative einen mit 2.000 Euro dotierten Preis für abgeschlossene Promotionen!

Auslobung QI Promotionspreis
Klicken Sie auf das Bild, um die Auslobung zu öffnen.

Berücksichtigt werden Arbeiten zu den Themenbereichen Versorgungsforschung / Qualität & Patientensicherheit / Gesundheitsmanagement / Public Health / Gesundheitsökonomie / Pflegewissenschaften.

Vorrangig werden abgeschlossene Promotionen mit innovativen, patientenorientierten Ansätzen in Niedersachsen zur Verbesserung der Versorgungsqualität und Lebensqualität bewertet. Hiermit sollen inhaltlich richtungsweisende Konzepte für die Gesundheitsversorgung, die bis dahin noch keine andere Auszeichnung erhalten haben, gefördert werden.

Für Ihre Bewerbung senden Sie und einfach Ihre Dissertationsschrift sowie einen Nachweis über die erfolgreich abgelegte Promotion (bspw. Kopie der Promotionsurkunde) jeweils bis zum 15. Juni eines jedes Jahres an die Geschäftsstelle (gerne per E-Mail)

Qualitätsinitiative – Niedersächsischer Verein zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen e. V.
c/o Ärztekammer Niedersachsen
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover

E-Mail: info[at]qualitaetsinitiative.de

Der Promotionspreis wird einmal jährlich im Rahmen des “Tages der Qualitätsinitiative” verliehen. Aufgrund der Covid-19-Pandemie findet im Jahr 2020 leider kein “Tag der Qualitätsinitiative” statt. Alle in diesem Jahr eingereichten Bewerbungen werden automatisch für die Auslobung im kommenden Jahr berücksichtigt.

Im Rahmen des Tages der Qualitätsinitiative 2017 wurde erstmalig der mit 2.000 Euro dotierte Promotionspreis vergeben. Zu den Gewinnern zählten im Jahr 2017 Frau Dr. Heike Raupach-Rosin und Herr Dr. Arne Duddeck mit Ihren Arbeiten zu den Themen „Die Versorgung und Lebensqualität MRSA-positiver Patientinnen und Patienten im ambulanten Sektor aus der Sicht von MRSA-Trägerinnen und -Trägern und von im Gesundheitswesen Beschäftigten“ und „Identifikation und Modifizierbarkeit von Problemen in der Indikationsstellung und Durchführung der Blutkulturdiagnostik bei Patienten mit Verdacht auf eine Blutstrominfektion“.

Im Jahr 2018 wurde der Preis an Frau Dr. Sinja Alexandra Ernst vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen für ihre Doktorarbeit zu intrauterinen Wachstumsverzögerungen bei Feten verliehen.

Zu den Gewinnerinnen im Jahr 2019 zählten Frau Dr. Clara Christine Weiß für ihre Doktorarbeit über die Intensität postoperativer Schmerzen nach Bauchspiegelung in Abhängigkeit vom intraoperativen CO2-Druck sowie Frau Dr. Christine Knuth für Ihre Doktorarbeit zu sozioökonomischen Faktoren und Einflussfaktoren auf die Berufstätigkeit nach Lungentransplantation.

4. Tag der Qualitätsinitiative: Arzneimitteltherapiesicherheit in der Praxis

Der diesjährige 4. Tag der Qualitätsinitiative Anfang September in Hannover griff das wichtige Thema der Arzneimittelsicherheit auf.

Aus der Sicht des Hausarztes referierte Privatdozent Dr. med. Guido Schmiemann über „Unerwünschte Nebenwirkungen – Arzneimitteltherapiesicherheit in der Praxis“.

Wie bedeutend diese Problematik ist, untermauerte unter anderem der Hinweis des Referenten, dass für fünf bis zwölf Prozent aller Krankenhauseinweisungen unerwünschte Arzneimittelwirkungen (ADR, also Adverse Drug Reactions) verantwortlich sind. Jens Wagenknecht, Vorsitzender des Vereins „Qualitätsinitiative“, Mitglied des Ärztekammer-Vorstands und selbst niedergelassener Allgemeinmediziner in Varel, bestätigte Schmiemanns Beobachtung: „In einem Heim werden Medikamente zum Beispiel auch dann gegeben, wenn es einem Patienten schlecht geht“, sagte Wagenknecht, „zu Hause würde der Patient das Medikament wahrscheinlich erstmal weglassen.“ Schmiemann riet deshalb vor allem zu Skepsis bei unerwarteten Stürzen: „Ist ein Medikament die Ursache?“

Die Abstimmung von Medikationsplan und tatsächlicher Einnahme bringt Sicherheit

Um Fehler bei der Arzneimitteltherapie zu vermeiden, empfahl der Referent, der zugleich als stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Versorgungsforschung am Institut für Public Health der Universität Bremen tätig ist, den Einsatz eines Medikationsplans. Dabei sei es wichtig, mit offenen Fragen wie „Erzählen Sie mir von Ihren Medikamenten“ oder „Nehmen Sie noch weitere Präparate ein?“, eine größtmögliche Übereinstimmung zwischen Medikationsplan und tatsächlicher Einnahme zu erzielen. Denn für 20 Prozent der arzneimittelbezogenen Probleme sei die Selbstmedikation der Patienten verantwortlich, also die Over-the-counter drugs oder auch OTC-Arzneimittel.

Aus der Sicht des Hausarztes referierte Privatdozent Dr. med. Guido Schmiemann beim Tag der Qualitätsinitiative über „Unerwünschte Nebenwirkungen – Arzneimitteltherapiesicherheit in der Praxis“. (Foto: I. Wünnenberg).
PD Dr. med. Guido Schmiemann (Foto: I. Wünnenberg).

„Keine Behandlung von Nebenwirkungen mit neuen Medikamenten.“

Als weitere Fehlerquelle führte Schmiemann die Wiederholungsrezepte an: Sie würden bisweilen ohne ärztliche Kontrolle ausgestellt – teilweise sogar ohne die nötigen Laborkontrollen. Dabei werde vergessen zu prüfen, ob das Medikament noch indiziert sei, kritisierte der Allgemeinmediziner. Außerdem könnten sich Fehler in die Medikation einschleichen: „Der Patient nimmt zu viel oder zu wenig.“ Deshalb seien regelmäßige Reviews der Medikation so wichtig, betonte Schmiemann. Und schärfte seinen Zuhörern am Ende neben dem Rat, sich mit den anderen an der Patientenversorgung beteiligten Berufsgruppen auszutauschen, noch eine wichtige Botschaft ein: „Keine Behandlung von Nebenwirkungen mit neuen Medikamenten“.

Studie zur Reduktion von Medikamenten – vor allem Neuroleptika – bei Heimbewohnern

An die Thematik des Vorredners schloss sich nahtlos das Referat von Dr. med. Olaf Krause vom Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover an. Krause legte den Fokus auf „Arzneimitteltherapiesicherheit bei Heimbewohnern“ und stellte die HIOPP-3 Studie (Haus-ärztliche Initiative zur Optimierung der Patientensicherheit bei Polypharmazie) vor. Ziel des Projekts, das im Mai 2017 mit Unterstützung des gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) startete, ist die Reduktion von Medikamenten bei Heimbewohnern – vor allem von Neuroleptika.

Dazu nehmen 787 Patientinnen und Patienten aus 32 verschiedenen deutschen Heimen an einer Cluster-randomisierten Interventionsstudie teil. Die Besonderheit des Set-tings sei, berichtete Krause, dass die Heime inklusive des betreuenden Apothekers und des behandelnden Hausarztes rekrutiert worden seien. Denn Ausgangspunkt der HIOPP-3-Studie sei die Tatsache, dass Heimbewohner oft viele Medikamente und darunter sowohl sogenannte potentiell inadäquate Medikamente (PIM) als auch Neuroleptika erhielten. Neuroleptika und PIM stehen Krause zufolge allerdings in dem Ruf, bei Heimbewohnern gehäuft zu Stürzen und Krankenhauseinweisungen zu führen. Den im Rahmen der Studie vorgesehenen Optimierungsvorschlag beschrieb Krause als Medikamentenreview des heimversorgenden Apothekers, der dem zuständigen Hausarzt vorgelegt werde. Am Ende stehe gegebenenfalls die Einleitung von Maßnahmen durch den Hausarzt.

Dr. med. Olaf Krause vom Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover stellte
die HIOPP-3 Studie (Hausärztliche Initiative zur Optimierung der Patientensicherheit bei Polypharmazie) vor. (Foto: I. Wünnenberg).
Dr. med. Olaf Krause (Foto: I. Wünnenberg).

Text: I. Wünnenberg

3. Tag der Qualitätsinitiative: Datenstrom soll Patienten dienen

Studie zeigt Zustimmung von niedergelassenen Ärzten zur Digitalisierung / Neues Frühgeborenen-Nachuntersuchungsprojekt vorgestellt / Veranstaltung der Qualitätsinitiative e.V.

V.l.n.r.: Dr. Martin Frank (Geschäftsführer der Qualitätsinitiative e.V. (QI)), Dr. Monika Övermöhle (Vorstand QI), Dr. Sinja Alexandra Ernst (Promotionspreisträgerin), Dr. Martin Tenckhoff (Kassenärztliche Bundesvereinigung), Inken Holldorf (Leiterin der Landesvertretung Niedersachsen der Techniker Krankenkasse und Vorstand QI) sowie ÄKN-Vorstandsmitglied und QI-Vorstandsvorsitzender Jens Wagenknecht (Foto: T. Lippelt).

V.l.n.r.: Dr. Martin Frank (Geschäftsführer der Qualitätsinitiative e.V. (QI)), Dr. Monika Övermöhle (Vorstand QI), Dr. Sinja Alexandra Ernst (Promotionspreisträgerin), Dr. Martin Tenckhoff (Kassenärztliche Bundesvereinigung), Inken Holldorf (Leiterin der Landesvertretung Niedersachsen der Techniker Krankenkasse und Vorstand QI) sowie ÄKN-Vorstandsmitglied und QI-Vorstandsvorsitzender Jens Wagenknecht (Foto: T. Lippelt).

Ärzte sind an einer weiteren Digitalisierung ihrer Praxen interessiert – vor allem um ihren Patienten einen besseren Service anbieten zu können. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die Dr. Bernhard Tenckhoff von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am 19. September beim „3. Tag der Qualitätsinitiative“ in Hannover vorstellte. Die digitalen Entwicklungen müssten sich aber am tatsächlichen Bedarf der Patienten und der Akteure im Gesundheitswesen orientieren und dürften nicht fachfremden Computerexperten überlassen werden, sagte der Medizininformatiker und Facharzt für Innere Medizin.

Zu der Veranstaltung im Haus der Industrie hatte die Qualitätsinitiative e.V. eingeladen. Das Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen der Ärztekammer Niedersachsen (ZQ) stellte in einem weiteren Vortrag einen neuen Ableger seines neues Frühgeborenen-Nachuntersuchungsprojektes vor. Die Qualitätsinitiative konnte zum Abschluss ihren Promotionspreis 2018 vergeben.

An der Studie zur Digitalisierung nahmen rund 1.700 Praxen in ganz Deutschland teil. Durchgeführt wurde sie vom KBV-Geschäftsbereich Versorgungsmanagement und dem IGES-Institut, einem von Wissenschaftlern geführten privatwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungsinstitut.

Dipl.-Dok. Silvia Berlage, Leiterin Qualitätssicherung, ZQ (Foto: T. Lippelt)

Dipl.-Dok. Silvia Berlage, Leiterin Qualitätssicherung, ZQ (Foto: T. Lippelt)

„Die Praxen sind schon sehr weit in der Digitalisierung, alle rechnen mit digitalen Systemen ab“, sagte Tenckhoff, der in Berlin die Stabsstelle ISI leitet (Innovation, Strategische Analyse und IT-Beratung). Der Anteil der digitalen Kommunikation der niedergelassenen Ärzte untereinander und mit den Krankenhäusern seit mit fünf Prozent aber „erschreckend niedrig“. Auch die elektronische Patientenakte gehöre noch zur Zukunftsmusik, genauso wie die administrative Entlastung, die sich Ärzte bei Verordnungen, Überweisungen und Terminplanungen wünschen – nicht zuletzt auch im Sinne der Patienten. „Es gibt den Wunsch, hier einen gewissen Grad an digitaler Dienstleistung anzubieten“, erklärte der Medizininformatiker. Dadurch mehr Zeit für den Patienten zu haben, erwartet allerdings nur ein geringer Teil der befragten Ärzte, wie aus dem Praxisbarometer hervorgeht.

Größte Hemmnisse der Digitalisierung sind laut Studie bestehende Sicherheitslücken in der EDV und ihre Fehleranfälligkeit. Als Strategie gegen fehlende oder falsche Angebote am Markt, die ebenfalls den digitalen Fortschritt behinderten, errichtet die KBV künftig ein „Innovations-Gewächshaus“, wie der ISI-Leiter erklärte. Damit könnten sinnvolle digitale Angebote identifiziert, gefördert und letztlich den Ärzten bereitstellt werden.

„Ärzte sind die Kommunikationsplattform für die Digitalisierung im medizinischen Bereich“, betonte Tenckhoff. Auch bei der Digitalisierung von übermorgen müssten die Mediziner selbst eine zentrale Rolle spielen. So gehe es bei der Künstlichen Intelligenz (KI) nicht nur um das ärztliche Selbstverständnis, sondern vor allem auch um die Verifizierbarkeit der Datengrundlagen, auf der das Selbstlernen der KI erfolge. Basierend auf falschen Daten könne dies medizinische Systeme fehlsteuern, warnte Tenckhoff. Hier sei menschliches Medizinwissen neben den KI-Kenntnissen gefragt: „Wir haben in Deutschland gute Ärzte, die Daten bewerten können“, sagte der Medizin- informatiker. Er forderte, dass KI –Anwendungen künftig ethische Grundsätze sowie Transparenz- und Qualitätsanforderungen erfüllen müssen – auf einer neuen gesetzlichen Grundlage.

Dr. Sinja Alexandra Ernst erhielt den Promotionspreis der Qualitätsinitiative, übergeben von Jens Wagenknecht. (Foto: T. Lippelt)

Dr. Sinja Alexandra Ernst erhielt den Promotionspreis der Qualitätsinitiative, übergeben von Jens Wagenknecht. (Foto: T. Lippelt)

Im zweiten Teil der Vortragsveranstaltung kam Silvia Berlage, die fachliche Leiterin der Qualitätssicherung im ZQ, zu Wort. Sie berichtete von einem neuen Unterstützungsprogramm für Eltern, das im Rahmen des langjährigen Frühgeborenen-Nachuntersuchungsprojekts ebenfalls von der Qualitätsinitiative gefördert wird. Auf freiwilliger Basis können in ganz Niedersachsen Eltern von zweijährigen Frühchen in Sozialpädiatrischen Zentren an Kursen teilnehmen, in denen sie lernen, die psychische Selbstregulation ihrer oftmals beeinträchtigten Kinder zu fördern. Eine Evaluation gehört dazu. „Unser Nachuntersuchungsprojekt hat ein Kind bekommen“, sagte Berlage schmunzelnd.

Dem Medizin-Nachwuchs war der letzte Punkt der Tagesordnung gewidmet. Dr. Sinja Alexandra Ernst vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen erhielt für ihre Doktorarbeit zu intrauterinen Wachstumsverzögerungen bei Feten den mit 2000 Euro dotierten und durch eine Bronzefigur symbolisierten Promotionspreis der Qualitätsinitiative.

Autorin: Christine Koch

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Ergebnisse zur Online-Befragung “Wie reagiert das institutionelle QM auf die Qualitätsinitiativen?” veröffentlicht

Im I. Quartal 2017 wurden im Rahmen einer Masterarbeit Telefoninterviews mit der obersten Führungsebene und den Qualitätsmanagern aus 15 niedersächsischen Krankenhäusern geführt zum Thema „Die Gesundheitspolitik fordert Qualität – qualitätsorientierte Vergütung – qualitätsorientierte Krankenhausplanung: Wie reagieren die Krankenhäuser, wie reagiert das Qualitätsmanagement darauf?“. Hier möchten wir Ihnen die Ergebnisse vorstellen, ergänzt um die Online-Befragung über die GQMG und eine Fokusgruppendiskussion mit rund 30 Qualitätsmanagern. Die Präsentation wurde am 10. Mai 2017 auf dem 5. DNVF-Forum Versorgungsforschung sowie am 11. Mai 2017 bei der Bundesärztekammer von Dr. phil. Brigitte Sens vorgestellt und mit großem Interesse aufgenommen.

Präsentation “Wie reagiert das institutionelle QM auf die Qualitätsinitiativen?” …  (PDF, 519 KB)

conhIT-Nachwuchspreis 2017: Beste Master- und Bachelorarbeiten werden prämiert

Europas wichtigste Veranstaltung für die Gesundheits-IT, die conhIT – Connecting Healthcare IT in Berlin, hat sich mittlerweile nicht nur einen Namen als Informations- und Wissensplattform für die Experten der Branche gemacht, sondern auch als Karrieresprungbrett für Absolventen und Young Professionals.

Neben zahlreichen Networking-Aktivitäten zählt der conhIT-Nachwuchspreis dabei zu den Highlights. Die Jury, bestehend aus Experten aus Wissenschaft und Industrie, legt bei der Wahl der Gewinner ihr Augenmerk vor allem auf den hohen Praxisbezug: Gefragt sind Arbeiten, die praktische und nachhaltige Lösungen zur möglichen Verbesserung der Gesundheitsversorgung leisten.

Alle Teilnehmer erhalten als Dankeschön ein Präsent sowie eine Freikarte für die conhIT (25.-27. April 2017, Messe Berlin). Den Siegern winken Preisgelder in einer Gesamthöhe von 6.500 Euro.

Entscheidend für eine Bewerbung ist, dass die Abschlussarbeiten nach März 2016 an einer Hochschule eingereicht wurden.

Weitere Informationen:
http://www.gmds.de/pdf/aktuelles/161222_Anschreiben_Nachwuchspreis_digital.pdf
http://www.gmds.de/pdf/aktuelles/161222_conhIT2017_Karriere_Plakat_final.pdf

GMDS-Arbeitsgruppe “Datenschutz und IT-Sicherheit im Gesundheitswesen” veröffentlicht Stellungnahme

Die Arbeitsgruppe “Datenschutz und IT-Sicherheit im Gesundheitswesen” der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie hat zum Thema Forschung und das “Recht auf Datenübertragbarkeit” eine Stellungnahme erarbeitet. Diese könnte für alle forschenden Institutionen im Gesundheitswesen eine hilfreiche Information darstellen.

Zur Stellungnahme…

DBFK tritt Qualitätsinitiative bei!

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBFK) Nordwest e.V. ist als förderndes Mitglied der Qualitätsinitiative beigetreten. Er wird vertreten durch den Geschäftsführer Burkhardt Zieger. Darüber hinaus engagieren sich auch Matthias Dittrich (Referent für Fort- und Weiterbildung) und Stefan Schwark (Referent für Pflege im Krankenhaus) für das Anliegen der Qualitätsverbesserung!

3. Process Solutions Day im Gesundheitswesen

Am 2. Dezember 2016 findet in Düsseldorf der 3. Process Solutions Day (PSD) im Gesundheitswesen im Rahmen der Health 3.0, dem Innovationskongress im deutschsprachigen Gesundheitswesen, statt.
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GANZHEITLICHES BUSINESS PROCESS MANAGEMENT (BPM) IM KRANKENHAUS:

  • BPM-Tool Vergleiche/Ausstellung
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  • Krankenhaus-Best-Practise-Beispiele
  • Erfahrungsberichte zur BPM-Implementierung und Prozessoptimierung im Gesundheitswesen

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